Neue Rubrik: Menschen die bewegen.
Porträts über Menschen, die in ihrer Gemeinschaft etwas auf die Beine stellen – still, entschlossen und ohne Scheinwerfer.

Es ist ein langer Weg zur inneren Klarheit – besonders wenn man ein Leben lang das Gefühl hatte, irgendwie anders zu sein. Für Viola Hauser, 36-jährige Rechtsanwältin und zweifache Mutter aus dem Donnersbergkreis, brachte das Ende des vergangenen Jahres eine lebensverändernde Erkenntnis: die Diagnose ADHS. Den Verdacht hatte sie lange beiseitegeschoben, denn im Alltag funktionierte ja scheinbar alles. Erst der tiefe Wunsch, für ihre Kinder eine ausgeglichenere, weniger impulsive Mutter zu sein, brachte sie dazu, fachliche Gewissheit zu suchen.

„Für mich hat sich da ein ganz neues Leben eröffnet“, erzählt sie. Ein neues Verständnis für sich selbst, neue Impulse und eine Idee, die seither wächst.

Die Idee, die aus einem Moment entstand

Der Auslöser war denkbar konkret: Viola saß in einer Gruppentherapie, spürte die Kraft dieses persönlichen Austauschs – und dachte sofort: Was passiert, wenn dieser Raum wegfällt? Wenn die Krankenkasse nicht zahlt, die Wartelisten zu lang sind, die Therapieplätze fehlen?

„Bei Social Media hast du die Möglichkeit, Reels anzuschauen und es gibt Gruppen online, aber das ist nicht dieser persönliche Austausch, dieses Face-to-Face, dieses Gefühl, das da transportiert wird.“ Also handelte sie: Komm, dann machst du einfach eine Selbsthilfegruppe.

Von der WhatsApp-Gruppe zur Community

Was bescheiden mit einer einzigen WhatsApp-Gruppe aus einer Therapiestunde heraus begann, wuchs schnell auf zehn Kontakte, dann zwanzig. Viola suchte sich Verbündete, gründete eine Community namens „Connected“ und trug die Idee weiter. Nicht über Werbung, nicht über die Praxis. Durch Mundpropaganda.

Bald traf man sich zu fünft in einem Alzeyer Restaurant. „Die Gespräche haben sich angefühlt, als würden wir uns ewig kennen.“ Dieser Abend war der Wendepunkt. Danach war klar: Wir treffen uns wieder. Und wieder.

Sie setzt sich an einen Tisch mit Fremden – und alle gehen danach nach Hause, als hätten sie sich ewig gekannt.

Offen für alle – ohne Diagnose, ohne Schwelle

Einen Moment, in dem sie kurz davor war aufzugeben? Den gab es nicht. Im Gegenteil: Noch bevor ihr Termin bei der KISS Mainz – der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe – stattfand, hatte sie bereits alles organisiert. Die Gruppe war beim Termin schon gelistet und damit online auffindbar.

Wichtig ist ihr dabei: Die Gruppe steht jedem offen – mit oder ohne ADHS-Diagnose, Betroffenen genauso wie Angehörigen, Partnern, Freunden. „Es geht gar nicht nur um Hilfe im klassischen Sinne, sondern auch um Austausch. Ich würde gerne nicht mehr damit alleine sein.“ Auch Komorbiditäten wie Depressionen, Angststörungen oder Burn-out sind Themen, die willkommen sind – denn oft hängt alles zusammen.

Das Feedback, das Gänsehaut macht

Das stärkste Feedback? Viola bekommt beim Erzählen noch einmal Gänsehaut. „Das allererste war, dass man sich zum ersten Mal nicht verstellen musste. Man konnte sich einfach an einen Tisch setzen, seinen Namen sagen – und war dabei.“ Menschen gingen nach Hause, beflügelt, voller Glücksgefühle, mit dem Gefühl: Ich wurde gesehen, so wie ich bin. Für viele das erste Mal überhaupt.

Ihr Blick auf Politik – und warum sie ihn lieber woanders richtet

Auf die Frage nach politischen Forderungen antwortet Viola ehrlich: „Tatsächlich hab ich fast schon aufgegeben, dass sich irgendwas ändert.“ Leistungskürzungen für Psychiater und Psychologen auf der einen Seite, ein wachsendes Bewusstsein – gerade bei Frauen und ADHS – auf der anderen. Ein Widerspruch, der frustriert.

„ADHS verbindet. Es ist für mich eine Besonderheit – und wenn man die richtigen Leute findet, hat man tatsächlich ein Gefühl von Ankommen.“

— Viola Hauser

Doch Viola hat eine klare Haltung: „Man kann sich viel von außen wünschen. Das haben wir nicht in der Hand. Und das, was wir in der Hand haben, ist, dass wir einen Austausch ermöglichen.“ Genau das tut sie.

Was kommt – und wen sie einlädt

In drei Jahren soll „Connected“ mehr sein als eine Gruppe in Alzey. Violas Vision: „ADHS verbindet“ – als Netzwerk, das sich regional weiterentwickelt. Wer irgendwo in Deutschland wohnt, soll eine eigene Gruppe gründen können, gestützt durch die Erfahrungen der anderen. Nicht eine Halle mit 300 Leuten, sondern viele kleine Räume, in denen Menschen ankommen dürfen.

Ihr letzter Satz an alle, die diesen Artikel lesen: An andere denken.
Wer selbst betroffen ist und von diesem Angebot hört, soll es weitergeben. „Ich hätte mich wirklich gefreut, wenn jemand zu mir gesagt hätte: Hier gibt es die Möglichkeit, dich auszutauschen.“

Kontakt zur Selbsthilfegruppe „Connected“:
Über die KISS Mainz – Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe – dort findet man Selbsthilfegruppen in der eigenen Umgebung. Per E-Mail: adhsverbindetalzey@gmail.com oder die Facebookgruppe ADHSverbindetAlzey


Anmerkung der Redaktion:
Selbsthilfe ersetzt natürlich keine Therapie oder medizinische Begleitung. Aber sie kann ein unglaublich wertvoller Raum sein, um mit seinen Gedanken, Erfahrungen und Herausforderungen nicht alleine zu sein.
Gerade der persönliche Austausch mit Menschen, die ähnliche Themen oder Gefühle kennen, kann oft schon unglaublich entlastend sein. Nicht, weil dort jemand „die Lösung“ hat, sondern weil Verständnis, unterschiedliche Perspektiven und echte Begegnung entstehen. Und genau das spüren viele bei ADHS verbindet Alzey.

Kennst du jemanden, dem dieser Artikel helfen könnte? Dann leite ihn einfach weiter.