Alzey (as) – Musik, gemeinsame Geschichte und persönliche Begegnungen standen am Sonntag, 18. Oktober 2026, im Mittelpunkt des 20. Deutsch-Pennsylvanischen Tages in Alzey. Rund 250 Gäste kamen in der Mensa der Gymnasien zusammen, um die historischen und kulturellen Verbindungen zwischen Rheinhessen und dem US-Bundesstaat Pennsylvania zu erleben. Erstmals fand die traditionsreiche Veranstaltung an einer Schule statt.
Die Beziehungen zwischen beiden Regionen reichen mehr als 250 Jahre zurück. Damals wanderten zahlreiche Menschen aus dem heutigen Rheinhessen, der Pfalz, weiteren Teilen Südwestdeutschlands sowie dem Elsass und der Schweiz nach Pennsylvania aus. Aus ihren mitgebrachten Dialekten, Bräuchen und Traditionen entwickelte sich im Austausch mit der amerikanischen Umgebung eine eigenständige pennsylvanisch-deutsche Identität, die bis heute gepflegt wird.
Schule und Heimatverein als Gastgeber
Veranstaltet wurde der Deutsch-Pennsylvanische Tag vom Gymnasium am Römerkastell und dem Heimat- und Kulturverein Ober-Flörsheim, der in diesem Jahr sein 25-jähriges Bestehen feiert. Unterstützt wurden die Gastgeber vom Deutsch-Pennsylvanischen Arbeitskreis und der Atlantischen Akademie Rheinland-Pfalz.
Das Gymnasium am Römerkastell unterhält seit Jahren einen regelmäßigen Schüleraustausch mit der Conrad Weiser High School in Robesonia, die mitten im historischen Siedlungsgebiet der Pennsylvania-Deutschen liegt.
Eröffnet wurde die Veranstaltung von Dr. Helmut Schmahl, Lehrer und Vorsitzender des Heimat- und Kulturvereins Ober-Flörsheim. Grußworte richteten Landrat Heiko Sippel, der zugleich die Schirmherrschaft übernommen hatte, Frank Kessler vom Deutsch-Pennsylvanischen Arbeitskreis sowie Janna Uhry-Ganz von der Atlantischen Akademie an die Besucher.
Zu den Ehrengästen gehörte John Degory, stellvertretender US-Generalkonsul in Frankfurt. Mit humorvollen Erzählungen berichtete er darüber, wie pennsylvanisch-deutsche Essgewohnheiten und Redewendungen selbst seine italienischstämmige Familie in Pennsylvania geprägt haben.
Musik aus Pennsylvania lässt sprachliche Wurzeln erkennen
Für den musikalischen Höhepunkt sorgte die Familienband „The Shooflies“ aus Pennsylvania. Mit Gitarre, Banjo, Geige, Kontrabass und vierstimmigem Gesang präsentierten die Musiker traditionelle Stücke aus ihrer Heimat.
Besonders die pennsylvaniadeutschen Lieder „Waer gut lewe will“, „Des bucklich Mennli“ und „Du, du liegscht mir im Hatze“ verdeutlichten, wie eng die Sprache vieler Nachfahren deutscher Auswanderer noch heute mit den Dialekten ihrer europäischen Vorfahren verbunden ist.
Schüler auf den Spuren rheinhessischer Auswanderer
Einen besonderen Programmpunkt gestalteten Schülerinnen und Schüler der Geschichts-AG sowie der Austauschgruppe des vergangenen Jahres. In einer bebilderten Präsentation berichteten sie über ihre Spurensuche nach rheinhessischen und pfälzischen Wurzeln in Pennsylvania.
„In Pennsylvania begegneten uns vertraute Wörter, Namen und Traditionen – und zugleich sahen wir, wie sie sich in einer anderen Umgebung verändert hatten“, schilderten die Jugendlichen ihre Eindrücke.
Dabei beschäftigten sie sich auch mit der Bedeutung Alzeys als historischem Erinnerungsort für amerikanische Amische und Mennoniten. Angehörige dieser Glaubensgemeinschaften besuchen gelegentlich auf regelrechten „Pilgerreisen“ den Alzeyer Schlosshof, um ihrer einst verfolgten Glaubensvorfahren zu gedenken.
Eine wichtige historische Quelle bildet der sogenannte „Märtyrerspiegel“, ein religiöses Werk, das unter anderem von der Täuferverfolgung des Jahres 1529 berichtet. Die darin angeführte Zahl von 350 Opfern gilt allerdings als historisch nicht gesichert.
Auswanderung aus Gimbsheim und ein historisches Buch
Ein weiteres Beispiel für die umfangreiche Auswanderung aus Rheinhessen lieferte die Gemeinde Gimbsheim. In den Jahren 1749 und 1751 verließen rund 90 Menschen den Ort – ungefähr jeder achte Einwohner.
Ein Teil der Auswanderer fand zunächst Aufnahme in der religiösen Gemeinschaft Ephrata in Pennsylvania. Dort entstand auch die deutschsprachige Ausgabe des „Märtyrerspiegels“.
Ein Originalexemplar dieses historischen Werkes konnten die Besucher während der Veranstaltung aus nächster Nähe betrachten.
Familiengeschichte verbindet Ober-Flörsheim mit Amerika
Wie aus historischen Ereignissen über Jahrhunderte hinweg persönliche Verbindungen entstehen können, zeigte die Geschichte der Familie Vettermann beziehungsweise Fettermann.
Im Jahr 1750 wanderte Balthasar Vettermann mit seiner Ehefrau und sieben Kindern nach Pennsylvania aus. In Ober-Flörsheim brachte eine unverheiratete Frau später einen Sohn namens Nikolaus zur Welt und benannte Balthasar als dessen Vater.
Rund 250 Jahre später führte genealogische Forschung die amerikanischen und rheinhessischen Nachkommen der Familie zusammen. Ein DNA-Vergleich stützte die überlieferte Vaterschaft.
Aus der historischen Familienforschung entwickelten sich schließlich persönliche Kontakte und Besuche amerikanischer Verwandter in Ober-Flörsheim. Die Geschichte verdeutlichte, dass die einstige Auswanderung bis in die Gegenwart familiäre Verbindungen zwischen beiden Kontinenten prägt.
Wie aus deutschen Dialekten eine eigene Sprache entstand
Auch die sprachliche Entwicklung der Pennsylvania-Deutschen war Thema des Nachmittags.
Dr. Michael Werner, engagierter Herausgeber der Publikation „Hiwwe wie Driwwe“, erläuterte anschaulich, wie sich aus den verschiedenen Mundarten der Einwanderer eine gemeinsame Sprache herausbildete.
Diese wurde besonders durch pfälzische Dialekte geprägt, entwickelte im Laufe der Generationen jedoch einen eigenen sprachlichen Charakter. Bis heute lassen sich zahlreiche Gemeinsamkeiten mit rheinhessischen und pfälzischen Mundarten erkennen.
Historische Exponate und rheinhessische Gastfreundschaft
Ergänzt wurde das Programm durch Exponate aus dem Ober-Flörsheimer Heimatmuseum, die weitere Einblicke in die regionale Geschichte ermöglichten.
Für die Bewirtung der zahlreichen Besucher sorgte der Heimat- und Kulturverein Ober-Flörsheim. Viele ehrenamtliche Helferinnen und Helfer aus dem Verein sowie der Schulgemeinschaft trugen zum Gelingen der Veranstaltung bei.
Bei Wein des Flomborner Weinguts Michel-Pfannebecker, deren Familie historische Verbindungen nach Pennsylvania hat, klang der Nachmittag in geselliger Atmosphäre aus.
Der 20. Deutsch-Pennsylvanische Tag machte damit einmal mehr deutlich, dass die historischen Beziehungen zwischen Rheinhessen und Pennsylvania weit über gemeinsame Auswanderergeschichten hinausreichen. Musik, Sprache, Familienforschung und insbesondere der persönliche Austausch zwischen den Generationen halten diese transatlantischen Verbindungen bis heute lebendig.



























