Alzey (as) – Der US-Pharmakonzern Lilly hält vorerst an der angekündigten Reduzierung seiner Investitionen am neuen Produktionsstandort in Alzey fest. Das bestätigte das Unternehmen auf eine aktuelle Presseanfrage der Alzeyer Zeitung.
Die Gebäude im Industriegebiet Ost sollen zwar entsprechend der ursprünglichen Planung und den bereits erteilten Baugenehmigungen fertiggestellt werden. Abstriche gibt es jedoch beim Ausbau der eigentlichen Fertigungsbereiche und damit bei den zunächst vorgesehenen Produktionskapazitäten.
Wie stark sich die Kürzungen auf die ursprünglich angekündigten bis zu 1.000 Arbeitsplätze auswirken werden, kann Lilly derzeit weiterhin nicht beziffern.
Ursprünglich waren 2,3 Milliarden Euro vorgesehen
Lilly hatte im November 2023 angekündigt, rund 2,3 Milliarden Euro in eine neue Hightech-Produktionsanlage in Alzey zu investieren. Es handelte sich um eine der größten Einzelinvestitionen des Unternehmens und um eines der bedeutendsten Industrieprojekte in Rheinland-Pfalz.
In dem neuen Werk sollen injizierbare Medikamente und die dazugehörigen Applikationssysteme hergestellt werden. Der Produktionsstart ist weiterhin für das Jahr 2027 vorgesehen. Ursprünglich sollten am Standort innerhalb mehrerer Jahre bis zu 1.000 dauerhafte Arbeitsplätze entstehen.
Im Zuge der Beratungen über das neue GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz kündigte Lilly jedoch an, den noch ausstehenden Umfang des Projekts deutlich zu reduzieren. Nach bisherigen Angaben könnte sich das ursprünglich vorgesehene Investitionsvolumen damit etwa halbieren.
Lilly: „Keine Gesundheitsreform, sondern ein Spargesetz“
Als Grund nennt das Unternehmen die aus seiner Sicht deutlich verschlechterten politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die Pharmaindustrie in Deutschland.
„Wir bedauern, dass die Bundesregierung das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz in dieser Form verabschiedet hat“, erklärt Lilly gegenüber dieser Zeitung. „Es ist aus unserer Sicht keine Gesundheitsreform, sondern ein Spargesetz.“
Der Koalitionsvertrag weise der Pharmaindustrie zwar die Rolle einer Schlüsselindustrie zu. Dies habe Erwartungen an bessere und verlässlichere Bedingungen für Forschung, Produktion und Investitionen in Deutschland geweckt. Nach Ansicht von Lilly werden diese Erwartungen durch die nun beschlossenen Regelungen jedoch nicht erfüllt.
Herstellerabschlag steigt von sieben auf 15,5 Prozent
Mit dem Gesetz will die Bundesregierung die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung begrenzen und weitere Beitragserhöhungen möglichst verhindern. Bundestag und Bundesrat haben das Maßnahmenpaket am 10. Juli 2026 beschlossen. Das Gesetz wurde Ende Juli verkündet und ist inzwischen in Kraft.
Für die Pharmaindustrie ist besonders die Erhöhung des sogenannten Herstellerabschlags relevant. Pharmaunternehmen müssen den gesetzlichen Krankenkassen für bestimmte Arzneimittel künftig einen Preisnachlass von insgesamt 15,5 Prozent gewähren. Bislang lag dieser Abschlag bei sieben Prozent.
Die Belastung werde damit ab 2027 um rund 120 Prozent erhöht, kritisiert Lilly. Zwar wurde die ursprünglich diskutierte automatische Dynamisierung des Abschlags während des Gesetzgebungsverfahrens gestrichen, die feste Erhöhung auf 15,5 Prozent blieb jedoch bestehen.
Mehrere Belastungen gleichzeitig
Lilly stellt dabei klar, dass das Unternehmen einen finanziellen Beitrag zur Stabilisierung des Gesundheitssystems grundsätzlich akzeptiere.
„Wir verstehen, dass wir einen finanziellen Beitrag leisten müssen. Das Ausmaß der jetzt neu entschiedenen Belastung geht jedoch deutlich zu weit“, so das Unternehmen.
Aus Sicht des Pharmakonzerns liegt das Problem nicht allein im höheren Herstellerabschlag. Das Gesetz enthalte mehrere Belastungen gleichzeitig. Lilly nennt neben der mehr als verdoppelten Herstellerabgabe unter anderem verschärfte Preis-Mengen-Regelungen, zusätzliche Rabatte auf patentgeschützte Arzneimittel und einen erhöhten Abschlag auf Impfstoffe.
Der neue Zwangsrabatt greife unmittelbar in das Kerngeschäft der Arzneimittelindustrie ein und untergrabe die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands bei internationalen Investitionsentscheidungen, argumentiert Lilly.
Fachgremium soll bis Ende September Vorschläge erarbeiten
Noch besteht allerdings die Möglichkeit, dass die Bundesregierung an anderer Stelle nachbessert. Ein interministerielles Fachgremium soll unter Beteiligung von Wissenschaft, Industrie und Selbstverwaltung bis spätestens Ende September 2026 Vorschläge erarbeiten.
Dabei geht es insbesondere um die Frage, wie Unternehmen berücksichtigt oder entlastet werden können, die in erheblichem Umfang in Forschung und Produktion in Deutschland investieren und hier sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze schaffen. Diskutiert wird unter anderem eine Standort- oder Investitionsklausel.
Eine solche Regelung könnte für Alzey von großer Bedeutung sein. Lilly erfüllt mit seinem Milliardenprojekt grundsätzlich mehrere der diskutierten Kriterien: Das Unternehmen investiert in einen deutschen Produktionsstandort, errichtet neue Fertigungskapazitäten und schafft Arbeitsplätze.
Auch die Stadt Alzey setzt Hoffnungen in die Arbeit des Gremiums und eine mögliche Nachbesserung der gesetzlichen Rahmenbedingungen.
Einzelne Standortklausel reicht Lilly offenbar nicht aus
Ob eine Standortklausel allein ausreichen würde, um Lilly zu einer Rückkehr zu den ursprünglichen Ausbauplänen zu bewegen, ist eher fraglich. Lilly fordert keine einzelne Korrektur, sondern eine umfassendere Neuausrichtung.
„Eine konkrete Ausgestaltung einzelner Stellschrauben zu fordern, greift zu kurz. Entscheidend ist ein Gesamtpaket“, erklärt das Unternehmen in ihrem Antwortschreiben.
Lilly erwarte von der Bundesregierung strukturelle Reformen, die Innovationen belohnten und dauerhaft verlässliche Rahmenbedingungen für Investitionen schafften. Entscheidend dürfte dabei sein, wie hoch eine mögliche Entlastung dabei tatsächlich ausfällt, wie langfristig sie garantiert wird und ob sie auch weitere Belastungen des neuen Gesetzes berücksichtigt.
Kürzung bleibt vorerst bestehen
Bis zu einer möglichen politischen Nachbesserung bleibt Lilly bei seiner Entscheidung.
„Solange das nicht passiert, halten wir an der angekündigten Reduzierung unseres Investments in Alzey fest“, teilte das Unternehmen der Alzeyer Zeitung mit.
Eine konkrete aktualisierte Investitionssumme nennt Lilly nicht. Nach Angaben des Unternehmens wird derzeit noch daran gearbeitet, die konkreten Folgen der reduzierten Fertigungs- und Produktionskapazitäten zu bestimmen.
Gebäude werden wie genehmigt fertiggestellt
Unabhängig davon sollen die bereits geplanten Gebäude vollständig errichtet werden.
„Dort werden die Gebäude gemäß der ursprünglichen Planung und den darauf beruhenden Bau-Genehmigungen fertiggestellt“, erklärt Lilly.
Die Reduzierung betreffe den Innenausbau der Fertigungsbereiche sowie die spätere Produktionskapazität. Damit könnten zunächst weniger Anlagen und Produktionslinien eingebaut werden, als ursprünglich vorgesehen.
Grundsätzlich hält Lilly aber am Standort Alzey fest. Das Werk soll weiterhin Teil des weltweiten Produktionsnetzwerks des Konzerns werden.
„Der Standort wird wie geplant ein hochmoderner, verlässlicher und leistungsfähiger Teil des globalen Lilly-Netzwerks werden und die dort produzierten Medikamente erreichen Patienten weltweit“, betont das Unternehmen.
Für Alzey bleiben entscheidende Fragen offen
Die zentrale Nachricht für Alzey lautet damit: Das Werk kommt und die Gebäude werden fertiggestellt. Der Produktionsstart im Jahr 2027 wird nach aktuellem Stand nicht infrage gestellt.
Offen bleiben jedoch weiterhin drei entscheidende Punkte: Wie hoch die tatsächliche Investitionssumme am Ende ausfällt, welche Produktionskapazitäten damit eingerichtet werden und wie viele der ursprünglich angekündigten bis zu 1.000 Arbeitsplätze tatsächlich entstehen.
Ob das geplante Fachgremium des Bundes die Voraussetzungen für eine erneute Ausweitung des Projekts schaffen kann, dürfte sich frühestens nach Vorlage seiner Vorschläge Ende September zeigen. Für Alzey bleibt damit die Hoffnung, dass die Bundesregierung die Bedingungen noch so verändert, dass zumindest ein Teil der zunächst zurückgestellten Investitionen und Arbeitsplätze doch noch realisiert wird.
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