Der Begriff „Mehrzweckeier“ gehörte nach Angaben von Langenscheidt zu den zehn häufigsten Einsendungen für das Jugendwort 2026. Zur Abstimmung zugelassen wurde er trotzdem nicht. Die Entscheidung sorgt für Kritik – und wirft die Frage auf, ob Jugendliche tatsächlich ihr Wort des Jahres wählen oder lediglich aus einer zuvor politisch und redaktionell bereinigten Liste auswählen dürfen.
Begriff schaffte es eigentlich unter die Top Ten
Bei der Wahl zum Jugendwort des Jahres 2026 können Jugendliche Begriffe vorschlagen, die ihrer Ansicht nach die aktuelle Sprache und Lebenswelt junger Menschen prägen. Einer der besonders häufig eingereichten Vorschläge war in diesem Jahr „Mehrzweckeier“.
Der Ausdruck landete nach Angaben des Langenscheidt-Verlags während der Einreichungsphase tatsächlich unter den zehn meistgenannten Begriffen. Auf der schließlich veröffentlichten Liste der zehn Kandidaten tauchte er dennoch nicht auf. Der Verlag hatte ihn bereits vor Beginn der eigentlichen Abstimmung aussortiert.
Damit konnten die Jugendlichen nicht mehr selbst darüber entscheiden, ob sie den Begriff für passend, geschmacklos, politisch, kreativ oder schlicht nicht wählbar hielten.
Langenscheidt verweist auf Kampagne und Beleidigung
In einem Statement in den begründete Langenscheidt den Ausschluss mit den eigenen Teilnahmebedingungen. Der Begriff gehe auf eine organisierte Kampagne zurück und beruhe zugleich auf einer persönlichen Beleidigung. Damit erfülle er gleich zwei zentrale Ausschlusskriterien.
„Über die hohe Zahl an Einreichungen des Begriffes ‚Mehrzweckeier‘ haben wir daher lange und intensiv diskutiert“, erklärte der Verlag. Im Sinne eines transparenten und fairen Verfahrens habe man sich schließlich für den Ausschluss entschieden.
Nach den Regeln werden unter anderem Begriffe ausgeschlossen, die durch einzelne Gruppen oder Influencer gezielt in die Wahl eingebracht werden. Gleiches gilt für beleidigende, rassistische, diskriminierende oder sexistische Formulierungen. Diese Kriterien hatte Langenscheidt bereits zu Beginn der Einreichungsphase öffentlich genannt.
Politischer Ursprung bei Protesten gegen Wehrpflicht
„Mehrzweckeier“ gilt als sprachlich entschärfte Abwandlung der Parole „Merz leck Eier“. Diese war bei Protesten junger Menschen gegen eine mögliche Wiedereinführung beziehungsweise Ausweitung der Wehrpflicht auf Plakaten aufgetaucht.
Die ursprüngliche Formulierung richtete sich gegen Bundeskanzler und CDU-Chef Friedrich Merz. Wegen eines entsprechenden Plakats wurden Ermittlungen wegen des Verdachts der üblen Nachrede und Verleumdung gegen Personen des politischen Lebens eingeleitet. In den sozialen Netzwerken entwickelte sich daraus anschließend die Wortschöpfung „Mehrzweckeier“ – formal unverfänglicher, in ihrer Anspielung jedoch weiterhin klar erkennbar.
Gerade diese Verbindung aus politischem Protest, Wortspiel und Internetkultur dürfte dazu beigetragen haben, dass der Begriff so häufig eingereicht wurde.
Kritiker sehen Wahl bereits im Vorfeld beeinflusst
Die Entscheidung des Verlages ist durch die veröffentlichten Regeln grundsätzlich gedeckt. Trotzdem bleibt ein Glaubwürdigkeitsproblem.
Denn wer das Jugendwort des Jahres sucht, vermittelt zunächst den Eindruck, junge Menschen könnten darüber entscheiden, welcher Begriff ihre Sprache und ihre Lebenswirklichkeit am besten widerspiegelt. Tatsächlich findet jedoch schon vor der öffentlichen Abstimmung eine inhaltliche Vorauswahl durch Erwachsene und den Verlag statt.
Die Jugendlichen dürfen somit nicht über alle besonders häufig eingereichten Begriffe abstimmen, sondern nur über jene, die Langenscheidt zuvor für zulässig und vertretbar erklärt hat.
Genau daran entzündet sich die Kritik. Ein Begriff muss weder höflich noch unpolitisch sein, um tatsächlich in der Jugendsprache vorzukommen. Sprache entsteht nicht ausschließlich in einem konfliktfreien Raum. Sie kann provozieren, gesellschaftliche Debatten aufgreifen, Autoritäten verspotten oder bewusst Grenzen überschreiten.
Das bedeutet nicht, dass ein Verlag jede Beleidigung zur Wahl stellen muss. Es bedeutet allerdings, dass die Veranstaltung weniger eine uneingeschränkte Wahl als vielmehr eine Abstimmung über eine kuratierte Vorauswahl ist.
Kampagne oder Teil moderner Jugendkultur?
Auch das Ausschlusskriterium einer gezielten Kampagne ist nicht völlig widerspruchsfrei. Gerade heutige Jugend- und Internetsprache verbreitet sich häufig durch virale Videos, Memes, Influencer und koordinierte Aktionen. Zwischen einem künstlich hochgepushten Begriff und einem Wort, das gerade wegen einer Onlinekampagne tatsächlich in den Sprachgebrauch übergeht, lässt sich nicht immer eindeutig unterscheiden.
Viele der zugelassenen Jugendwörter verdanken ihre Bekanntheit ebenfalls sozialen Netzwerken, Liedern, Videos oder Internettrends. Der Unterschied scheint daher weniger darin zu liegen, ob ein Begriff medial verbreitet wurde, sondern auch darin, welchen Inhalt und welche politische Wirkung er besitzt.
Langenscheidt muss sich deshalb die Frage gefallen lassen, ob mit „Mehrzweckeier“ nicht ausgerechnet jener Begriff ausgeschlossen wurde, der die politische Stimmung, den Protest und den Humor eines Teils der jungen Generation besonders deutlich widerspiegelt.
Das inoffizielle Jugendwort 2026?
In den sozialen Netzwerken führte der Ausschluss jedenfalls nicht dazu, dass „Mehrzweckeier“ verschwand. Im Gegenteil: Die Entscheidung verschaffte dem Ausdruck zusätzliche Aufmerksamkeit. Nutzer kommentierten sinngemäß, der Begriff sei gerade deshalb das „wahre Jugendwort“, weil Erwachsene versucht hätten, ihn zu verhindern. Auch wurde daran erinnert, dass frühere Jugendwörter wie „merkeln“ ebenfalls einen politischen und abwertenden Bezug hatten.
Ob „Mehrzweckeier“ eine Mehrheit erhalten hätte, lässt sich nun nicht mehr feststellen. Der Verlag hat diese Entscheidung bereits vor der Abstimmung getroffen.
Damit steht am Ende möglicherweise nicht das von Jugendlichen frei gewählte Jugendwort 2026, sondern das politisch, sprachlich und wirtschaftlich vertretbare Jugendwort, das nach der Vorauswahl eines Verlages noch übrig bleibt.
Und genau deshalb könnte „Mehrzweckeier“ schon jetzt gute Chancen haben, als inoffizielles Jugendwort des Jahres in Erinnerung zu bleiben.
Übrigens: Bei der Wahl zum „Alser Wort des Jahres“ findet keine redaktionelle Vorauswahl statt
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